Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz stehen im Zentrum

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Alternativen zu Pestiziden stehen bei Agroscope im Zentrum

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Ohne Pflanzenschutz geht es nicht, denn im Getreide-, Obst- und Gemüseanbau wie in allen anderen landwirtschaftlichen Kulturen sichert er die Menge und Qualität der Erträge. Nun verstärkt auch Agroscope die Information zu diesem hochaktuellen Thema. Eva Reinhard, Leiterin Agroscope, erklärt, was die Forschung leistet und noch leisten kann.

Wir essen gerne schönes und gesundes Obst und Gemüse. Und wir möchten ebenso, dass es auf gesunden, pestizidfreien Böden wächst. Wieso geht das nicht?

EVA REINHARD: Unser Obst und Gemüse ist gesund; das soll auch weiterhin so bleiben. Belasten wir jedoch die Böden und die Gewässer zu stark, wird das für nachfolgende Generationen nicht mehr so einfach möglich sein. Die Herausforderung besteht darin, die Produktionsmethoden in der Landwirtschaft so anzupassen, dass wir genug anbauen und ernten können mit minimalsten schädlichen Umweltwirkungen durch Pflanzenschutzmittel oder auch chemisch-synthetische Dünger.

Warum gelingt dies heute noch nicht?

Um es etwas plakativ auszudrücken: Die Lebewesen – vom schädlichen Bakterium bis zum Schadinsekt wie z.B. der Kirschessigfliege –, die sich an unser Obst und Gemüse heranmachen, mögen dieses ebenso wie wir. Kartoffeln, Äpfel oder Karotten, die wir anpflanzen, stehen in Konkurrenz zu den Pflanzen, welche die Natur auf diesem Boden wachsen lassen würde. Damit für uns Menschen genügend übrig bleibt, treffen wir vielseitige Vorkehrungen. Zu den chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln greifen wir aber erst, wenn alle anderen Massnahmen erschöpft sind.

Kartoffeln erkranken unter feuchten Witterungsbedingungen an Krautfäule. Was tut die Forschung?

Die Kraut- und Knollenfäule ist die bedeutendste Krankheit im Kartoffelanbau. Um sie zu bekämpfen, werden grosse Mengen an Fungiziden eingesetzt. Die Kartoffelzüchtung ist seit Jahren aktiv. Robuste Kartoffel-Neuzüchtungen konnten sich aber bisher aufgrund von Defiziten bei den Anbau- oder Knolleneigenschaften und wegen der Vorlieben der Konsumentinnen und Konsumenten im Vergleich zu den im Markt etablierten Kartoffelsorten nicht durchsetzen. Agroscope hat gentechnisch veränderte (GV-)Kartoffeln der beliebten Sorte Désirée untersucht. Im Gegensatz zur Ausgangssorte zeigten sich diese resistent gegen den Schaderreger und mussten nicht gespritzt werden. Nur, wir befinden uns im Zielkonflikt: Konsumentinnen und Konsumenten wünschen zwar pestizidfreie Produkte, sind aber im Moment noch nicht bereit, gentechnisch veränderte Pflanzen zu akzeptieren.

«Zu den chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln greifen wir erst, wenn alle anderen Massnahmen erschöpft sind.» 

 

Spritzt die Landwirtschaft nicht oft zu früh Fungizide gegen Krautfäule?

Die Bauern können es sich finanziell nicht leisten, einen Ernteausfall in Kauf zu nehmen. Entsprechend denken sie, mit einer frühzeitigen Behandlung dieses Risiko zu verkleinern. Agroscope konnte zeigen, dass die negativen Umweltwirkungen vermindert werden, wenn auf zu frühes Spritzen verzichtet wird und die Befallsprognosen und Schadschwellen konsequent eingehalten werden. Um die Produzenten im Entscheid für den optimalen Einsatzzeitpunkt nötiger Pflanzenschutzmittel-Behandlungen zu unterstützen, entwickelt Agroscope seit über 15 Jahren Prognosemodelle; für die Kartoffelproduzenten etwa das Prognosemodell PhytoPRE. Diese digitale Applikation kann jeder Produzent auf sein Handy laden. Fungizide im Kartoffelanbau werden so mit maximaler Wirkung und erst im letzten Moment eingesetzt.

Dennoch werden die Bauern gerne an den Pranger gestellt als die Sündenböcke, welche die Böden und das Grundwasser als wichtigen Lieferanten für Trinkwasser belasten.

Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind biologisch aktive Substanzen. Gelangen sie an den falschen Ort, können sie Lebewesen schaden, die eigentlich nützlich wären. Die Landwirtschaft baut Getreide, Reben, Kohl oder Kartoffeln und viele weitere Nutzpflanzen im offenen Feld an. Ein Teil der ausgebrachten Pflanzenschutzmittel verbreiten sich in der Umwelt. Sie werden z. B. bei Regen ausgewaschen und gelangen in naheliegende Gewässer, manchmal in zu hohen Konzentrationen. Und das ist unbedingt zu vermeiden.

Was trägt Agroscope dazu bei, dass wir auch in Zukunft auf sauberes und pestizidfreies Trinkwasser zählen dürfen?

Unser aktuelles Abeitsprogramm 2018–21 zeigt, dass wir einen sehr grossen Beitrag an den Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel leisten: Über 50 unserer insgesamt 117 Forschungsprojekte fallen in diesen Bereich. Das übergeordnete Ziel ist, insgesamt weniger und vor allem weniger Pflanzenschutzmittel mit hohem Risikopotential einsetzen zu müssen. Ich mag allerdings nicht allzu stark zwischen verschiedenen Gruppen von Pflanzenschutzmitteln unterscheiden. Grundsätzlich bezwecken alle ausgebrachten Mittel die Abwehr oder das Eliminieren unerwünschter Lebewesen. Deshalb steht die Entwicklung von direkten und indirekten Alternativen zu chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln bei Agroscope an erster Stelle. Im Bereich der vorbeugenden, indirekten Massnahmen züchten wir neue, krankheitsresistente Sorten, entwickeln Tests und Instrumente, um Schädlinge bereits an der Landesgrenze zu orten, optimieren Anbaumethoden, um Nützlinge zu fördern oder die altbewährte Fruchtfolge im Ackerbau zu verfeinern. Wie bereits erwähnt, stellen wir den Bauern Entscheidungshilfen zur Verfügung, indem wir Frühwarn- und Prognosesysteme entwickeln und Schadschwellen festlegen. Weitere Forschungsarbeit tätigen wir auf der Ebene der nichtchemischen Bekämpfung. So hilft etwa das Einnetzen von Obstbäumen, Hagelschäden zu vermeiden; Früchte ohne Verletzungen sind weniger anfällig auf Pilzbefall und länger haltbar. Auch im Bereich von In-Door-Lösungen und geschlossenen Kreisläufen, z.B. in Gewächshäusern sind wir aktiv. Kurzum, es gibt nicht DIE EINE Wunderlösung, die den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ermöglicht. Vielmehr ist es eine Palette von Massnahmen, die in der Kombination zu einer merklichen Reduktion der ausgebrachten chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel führen wird.

«Bei Agroscope steht die Entwicklung von Alternativen zu Pflanzenschutzmitteln an erster Stelle».

 

Neuste Zahlen des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW)  zeigen, dass der Verkauf von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und insbesondere von Unkrautvertilgungsmitteln seit 2008 um 29 % zurückgegangen ist. Wie war das möglich?

Ich führe das einerseits auf die alternativen Methoden zurück, welche die Forschung in den letzten Jahren entwickelt hat und welche die landwirtschaftliche Praxis heute anwendet. So bekämpfen die Schweizer Bäuerinnen und Bauern die Unkräuter heute viel häufiger mechanisch. Dies geschieht nicht nur von Hand, sondern auch mit Robotern, die ihnen die Arbeit erleichtern. Zudem hat die Landwirtschaft ihre Produktionsmethoden angepasst, es werden vermehrt Anbausysteme genutzt, die den Unkrautdruck vermindern oder mit den heimischen Unkräutern einen Beitrag zur Biodiversität leisten. Ein Beispiel: Früher gab es in einem Weinberg zwischen den Reben kaum Begrünung. Heute wissen wir, dass gewisse Begleitpflanzen die Biodiversität bereichern und – so lange die Unkräuter nicht zu stark auftreten – mit dem neuen Lebensraum für Nützlinge sogar helfen können, den Schädlingsdruck zu mindern. Andererseits hat wohl auch die öffentliche Diskussion dazu geführt, dass sich ein Landwirt heute zweimal überlegt, ob der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln wirklich nötig ist oder nicht.

Zurück zur Verkaufsliste der chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel: Auffallend ist, dass bei den Fungiziden, Bakteriziden, Insektiziden und Akariziden kein Rückgang festzustellen ist. Was macht die Forschung in diesen Bereichen?

Im Rahmen der Entwicklung der Integrierten Produktion entwickelte Agroscope in den 70-, 80- und 90iger Jahren effiziente Methoden im biologischen und biotechnischen Pflanzenschutz gegen Milben und Insekten, die noch heute aktuell sind. So sind Raubmilben auch heute noch entscheidend dafür, dass die Obst- und Weinbauern kaum Akarizide einsetzen müssen. Des Weiteren zeigt die Methode der sexuellen Verwirrung ebenfalls im Wein- und Obstbau bis heute eine gute Wirkung gegen bestimmte Schädlinge, so dass es vor allem im Weinbau wenige bis gar keine Insektizide braucht. Bei anderen Schädlingen wie Blattläusen, Blattsaugern und verschiedenen Fliegenarten gibt es noch Forschungsbedarf, um ohne Insektizide den Ertrag und die Qualität zu sichern.

Der vergangene Sommer war heiss und sehr trocken. Weil sich Pilze und Bakterien unter diesen Bedingungen weniger gut vermehren können, kamen weniger Fungizide zum Einsatz. In warmen und feuchten Jahren hingegen vermehren sich Pilze und Bakterien explosionsartig. Die wirksamste Methode gegen Pilz- und Bakterienkrankheiten ist die Züchtung resistenter Arten. Agroscope hat in den letzten Jahren viele erfolgversprechende, pilzresistente Sorten gezüchtet wie die Rebsorten Divico und Divona, die Aprikosensorte Lisa, die Apfelsorten Rustica und Galiwa sowie zahlreiche Weizensorten. Gegen Bakterienkrankheiten sind die Aprikosensorte Mia, die Apfelsorte Ladina und die Birne Fred® tolerant. Auf diesem Forschungsgebiet ist Agroscope sehr effizient, unter anderem aufgrund von zahlreichen Zusammenarbeiten mit Schweizer Hochschulen und ausländischen Instituten wie der INRA in Frankreich

Der Verbrauch des umstrittenen Mittels Glyphosat ist gemäss BLW-Statistik um 45 Prozent zurückgegangen. Sollte dieser Wirkstoff verboten werden?

Ich bin sehr kritisch gegenüber Strategien, die darauf ausgerichtet sind, einen Wirkstoff nach dem anderen verbieten zu wollen, ohne dass wirkungsvolle Alternativen verfügbar sind. Toxikologisch betrachtet, zählt Glyphosat nicht zu den risikoreichen Pflanzenschutzmitteln. Das Problem besteht darin, dass es als Herbizid extrem gut wirkt, so dass die Landwirtschaft es in unglaublich hohen Mengen anwendet. Werden einzelne Wirkstoffe in zu hohen Mengen eingesetzt, entstehen Resistenzen – so auch bei Glyphosat. Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sollen erst als letztes Mittel ziel- und standortgerecht angewendet werden.

Gäbe es Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat gleichwertig ersetzen könnten?

Heute gibt es kein Mittel, das so breit wirkt wie Glyphosat. Es gäbe Kombinationen von Unkrautvernichtungsmitteln, die der Wirkung von Glyphosat gleichkommen. Ob damit aber die Umweltwirkung positiver wäre bezweifle ich. Dank alternativen Anbaumethoden konnte die Landwirtschaft in den letzten Jahren den Herbizideinsatz senken. Die Forschung auf diesem Gebiet geht aber weiter. Ob wir einst ganz ohne Herbizide auskommen, möchte ich bezweifeln. Mit dem Klimawandel werden wir immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Wir müssen uns mit Pflanzen und Tieren beschäftigen, welche neu sind für die Schweiz. Bis wir diese mit angepassten Produktionssystemen in den Griff bekommen, wird immer etwas Zeit vergehen, während dieser wir auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel angewiesen sein dürften.

«Es gibt nicht DIE EINE Wunderlösung. Vielmehr ist es eine Palette von Massnahmen, die in der Kombination zu einer merklichen Reduktion der chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel führen wird»

 

Wäre der Biolandbau nicht die konsequenteste Lösung, um unsere Böden und Gewässer frei von Pflanzenschutzmittelrückständen zu halten?

Die Schweiz hat sehr viel vom Biolandbau gelernt und in die konventionelle Produktion integriert. Aus Prinzip will ich nicht zwischen den Produktionsmethoden unterscheiden und die eine als gut, die andere als schlecht hinstellen. Als Forschungsinstitution verfolgt Agroscope einen neutralen Ansatz und nimmt von jeder Anbaumethode das Beste. Es freut mich sehr, dass konventionell wirtschaftende Bauern vermehrt Mittel einsetzen, die im Biolandbau zugelassen sind. Interessant ist, dass bereits über 40 Prozent der in der Schweiz verkauften Pflanzenschutzmittel auch im Biolandbau eingesetzt werden dürfen, obschon wir im Pflanzenbau Schweiz nicht 40 Prozent Biobauern haben.

Die im Biolandbau verwendeten Pflanzenschutzmittel haben in der Regel ein tieferes Risikopotential als viele chemisch-synthetisch hergestellte Mittel. Das bedeutet aber oft, dass sie häufiger und in grösseren Mengen gespritzt werden müssen als diese. Damit vergrössert sich für die Bauernfamilien der Arbeitsaufwand und die dafür nötige Energie. Ich bin eine Verfechterin der gesamtheitlichen Systemanalyse, das heisst, ich finde es zielführender, Produktionssysteme mit einer Ökobilanzierung zu bewerten als mit der Toxizität einzelner eingesetzter Wirkstoffe.

«Als Forschungsinstitution verfolgt Agroscope einen neutralen Ansatz und nimmt von jeder Anbaumethoden das Beste.»

 

Welchen Beitrag können die Konsumentinnen und Konsumenten leisten, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren?

Das renommierte Wissenschaftsmagazin Science hat 2018 eine Studie veröffentlicht, an welcher Agroscope entscheidend mitbeteiligt war. Sie zeigt, dass je nach Herkunft und Produktionsweise die Umweltwirkungen für ein bestimmtes Lebensmittel sehr unterschiedlich sein können. Konsumentinnen und Konsumenten können also durch ihr Kaufverhalten die Umweltwirkungen der Ernährung beeinflussen, vorausgesetzt, sie verfügen über die nötigen Informationen. Die Studie hat auch gezeigt, dass Fleisch und Milch eine viel stärkere Umweltwirkung haben, als pflanzliche. In einer weiteren Studie hat Agroscope für die Verhältnisse in der Schweiz gezeigt, dass eine optimierte und auf die Ernährungspyramide ausgerichtete Ernährung nicht nur für die Menschen gesünder ist, sondern auch die Umwelt schont. So können wir die Umweltwirkungen unserer Ernährung um über 50 Prozent senken, wenn wir die Anteile an Getreide, Kartoffeln, Früchten und Nüssen auf unseren Tellern erhöhen; Milch soll weiterhin getrunken werden, auch Fleisch darf gegessen werden, im Durchschnitt einfach etwas weniger (Agrarforschung Schweiz, 2018).

«Wir können die Umweltwirkungen unserer Ernährung um über 50 Prozent senken, wenn wir gesund essen.»

 

Wie viel wissen die Konsumentin und der Konsument über die Produktion von gesunden Lebensmitteln?

Es ist leider eine Tatsache, dass heute grosse Teile der Bevölkerung keinen direkten Kontakt mehr zur Landwirtschaft haben und das Wissen um die Lebensmittelproduktion stetig abnimmt. Mit dieser Informationskampagne zum Pflanzenschutz will Agroscope der Bevölkerung unter anderem aufzeigen, wie viel es wirklich braucht und wie viel stimmen muss, um täglich zu unseren Portionen an gesundem und schönem Brot, Gemüse und Früchten zu kommen. Hierfür sind wir auf die Unterstützung vieler anderer angewiesen: Von der Primar- bis zur Berufsschule, von der Landwirtschaft bis zur Forschung und von der Politik bis zur Verwaltung.

Interview : Christian Bernhart

 

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