Mögliche Auswirkungen von Nachhaltigkeitszielen auf die Land- und Ernährungswirtschaft
Eine neue Agroscope-Studie zeigt, was die konsequente Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele des Bundesrats für die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft bedeuten könnte.
Der Bundesrat legte 2022 im Bericht «Zukünftige Ausrichtung der Agrarpolitik» Ziele für eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft fest («Zukunftsbild 2050»). Daraufhin vergab das Bundesamt für Landwirtschaft drei Studien: Agroscope untersuchte die Auswirkungen auf das Landwirtschafts- und Ernährungssystem, zwei weitere Studien betrachteten die Folgen für die Wertschöpfung in vor- und nachgelagerten Bereichen sowie auf die volkswirtschaftlich relevanten Umwelt- und Gesundheitskosten.
Ziele für Landwirtschaft und Konsum
In der Agroscope-Studie wurden die Nachhaltigkeitsziele des Bundesrats in produktions- und konsumseitige Ziele gegliedert:
- Produktionsseitig: mind. 50% Netto-Selbstversorgungsgrad, nur Nebenprodukte als Kraftfutter für Wiederkäuer, mind. 16.6% QII-Biodiversitätsförderflächen, 30% weniger Stickstoffüberschuss, 40% weniger THG-Emissionen gegenüber 1990, 75% weniger Food Loss.
- Konsumseitig: 66% weniger THG-Emissionen pro Person, Ernährung gemäss den Empfehlungen der Lebensmittelpyramide, 75% weniger Food Waste.
Verschiedene Szenarien
Agroscope hat die nachfolgenden Szenarien für das Jahr 2050 simuliert:
- Referenz (weiter wie bisher)
- Erfüllung aller Ziele ohne technische Massnahmen zur Emissionsminderung
- Erfüllung aller Ziele mit technischen Massnahmen zur Emissionsminderung
- Erfüllung nur der produktionsseitigen Ziele
- Erfüllung nur der konsumseitigen Ziele
Die Modellrechnungen maximierten das landwirtschaftliche Sektoreinkommen in den fünf Szenarien, wobei gleichzeitig alle Zielvorgaben einzuhalten waren.
Mehrere Ziele gleichzeitig erreichen
Die Modellierung zeigt, dass die Einhaltung aller Ziele des Zukunftsbildes (Szenarien 2 und 3) die Produktion und den Konsum von tierischen zu pflanzlichen Nahrungsmitteln verschieben würde. Diese Veränderungen würden sich auf viele agrarpolitisch relevante Grössen positiv auswirken. Besonders deutliche Verbesserungen ergäben sich gegenüber dem Referenzszenario durch einen höheren Selbstversorgungsgrad, weniger Kraftfutterimporte, eine umweltschonendere Produktion und eine gesündere Ernährung.
Zielkonflikte vorhanden
Es gibt jedoch auch Zielkonflikte. Die Tierbestände wären deutlich tiefer als heute, vor allem, um die Treibhausgas- und Ernährungsziele erreichen zu können. Mit technischen Massnahmen zur Reduktion des Treibhauspotenzials, z.B. Futterzusätzen, Nitrifikationshemmern oder Agroforstsystemen, würden die Tierbestände weniger stark sinken (Szenario 3).
Im landwirtschaftlichen Sektoreinkommen könnte gemäss der Modellierung der Rückgang der Tierhaltung zu einem grossen Teil mittels Ausdehnung pflanzlicher Betriebszweige mit hoher Wertschöpfung kompensiert werden. Betroffen vom Rückgang der Tierbestände wären gemäss den Modellrechnungen vor allem Schweine- und Mastbetriebe im Talgebiet, wo Alternativen wie Gemüse- und Obstbau bestehen, also Spezialkulturen mit hohem Wertschöpfungspotenzial. Eine Zunahme des Gemüse- und Obstbaus könnte wiederum die Risiken durch Pflanzenschutzmittel erhöhen; diese liessen sich aber mit konsequentem integriertem Pflanzenschutz begrenzen, etwa durch geeignete Sortenwahl oder Frühwarnsysteme.
Konsumseitige Änderungen hätten stärkere Effekte
Der Vergleich der Szenarien 4 und 5 lässt den Schluss zu, dass die Einhaltung der konsumseitigen Ziele das Ernährungssystem stärker verändern würde als die produktionsseitigen Ziele. Vor allem eine Ernährung gemäss Lebensmittelpyramide und die Reduktion der konsumgebundenen Treibhausgasemissionen um zwei Drittel würden tiefgreifende strukturelle Anpassungen in der Land- und Ernährungswirtschaft erfordern. Dabei geht die Modellierung davon aus, dass die Konsumierenden ihr Verhalten aus eigenem Antrieb ändern. Staatliche Eingriffe sind nicht vorgesehen.
Die Modellergebnisse zeigen, dass die Entwicklung des Gesamtsystems stark von der Entwicklung beim Konsumverhalten abhängt. Gleichzeitig gibt es methodische Grenzen: Der Zeithorizont bei der vorliegenden Modellierung liegt besonders weit in der Zukunft, was mit grossen, nicht vorhersehbaren Veränderungen der produktionstechnischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbunden sein kann. Die Szenarien widerspiegeln nicht die zukünftige Realität, sondern geben eine grobe Richtung an, in die sich das Gesamtsystem unter den getroffenen Annahmen und Zielvorgaben entwickeln könnte.
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Ökonomische Modellierung und Politikanalyse
Die Schweizer Landwirtschaft steht im Spannungsfeld der gesellschaftlichen Erwartungen. Agroscope evaluiert auf der Basis ökonomischer Modelle die Wirkungen von agrarpolitischen Instrumenten auf gesellschaftliche Ziele und zeigt Zielkonflikte auf.
