Insektenvielfalt in der Schweiz im Wandel: Unterschiede zwischen Artengruppen
Wie hat sich die Insektenwelt der Schweiz in den letzten 90 Jahren verändert? Eine neue Studie gibt erstmals umfassende Antworten – und zeichnet ein gemischtes Bild.
Forschende von Agroscope, WSL, info fauna, Universität Zürich und Vogelwarte Sempach haben 1,2 Millionen Beobachtungsdaten des Nationalen Daten- und Informationszentrums der Schweizer Fauna ausgewertet. Sie rekonstruierten, wie sich die Verbreitungsgebiete von 811 Insektenarten – 216 Tagfalter- und 595 Totholzkäferarten – zwischen 1930 und 2021 verändert haben.
Das Ergebnis: Um die Mitte des 20. Jahrhunderts gingen beide Gruppen zurück, danach entwickelten sie sich sehr unterschiedlich. Arten mit bestimmten Ansprüchen, wie für spezifische Habitate oder kälteres Klima, gingen stärker zurück, andere erholten sich.
Tagfalter: Rückgang ohne Erholung
Tagaktive Schmetterlinge sind seit 1930 zurückgegangen. Besonders zwischen 1950 und 1980 – in der Blüte der landwirtschaftlichen Intensivierung – brachen ihre Bestände ein. Die Gründe: Die Landschaft wurde einheitlicher, artenreiche Wiesen verschwanden, und Dünger sowie Pflanzenschutzmittel kamen verstärkt zum Einsatz. Seitdem hat keine Erholung stattgefunden. Heute sind Tagfalter im Schweizer Durchschnitt rund 12 % artenärmer als noch 1930 – im Mittelland sogar um 29 %, in den nördlichen Voralpen um 13 %.
Besonders stark trifft es spezialisierte Arten: Tagfalter, die auf ganz bestimmte Pflanzen oder Lebensräume angewiesen sind, verloren bis zu 41 % ihres Verbreitungsgebiets. Kleine Arten, die sich nur langsam neue Gebiete erschliessen können, gingen stärker zurück (–26 %) als grosse, mobilere (+ 14 %). Und kälteliebende Arten stehen vor einem zusätzlichen Problem: Der Klimawandel engt ihre Lebensräume weiter ein (–30 %).
Totholzkäfer: Rückgang, dann Trendwende
Käfer, die auf abgestorbenes Holz angewiesen sind, durchlebten zunächst ähnliche Rückgänge. Eine intensivere Forstwirtschaft bedeutete weniger alte Bäume, weniger Totholz – und damit weniger Lebensraum für diese Arten.
Doch ab den 1960er Jahren stabilisierte sich die Situation, und seit den 2000er Jahren nehmen die Totholzkäfer sogar wieder zu. Heute haben sie insgesamt ein ähnliches Verbreitungsniveau wie 1930 erreicht.
Mehrere Faktoren helfen ihnen dabei: So profitieren viele wärmeliebende Totholzkäferarten vom Klimawandel – steigende Temperaturen begünstigen ihre Ausbreitung. Ausserdem schufen grosse Sturmereignisse wie Vivian (1990) und Lothar (1999) auf einen Schlag riesige Mengen an Totholz und damit neuen Lebensraum. Und auch die heute naturnahe Waldbewirtschaftung dürfte viel zur Erholung beigetragen haben.
Aber auch bei den Totholzkäfern gingen spezialisiertere Arten stärker zurück und verloren bis zu 17 % ihres Verbreitungsgebiets. Und kälteliebende Arten konnten nicht vom Klimawandel der vergangenen Jahrzehnte profitieren.
Vorsichtiger Optimismus
Seit den 1990er Jahren gibt es positive Auswirkungen. Die heute naturnahe Waldbewirtschaftung lässt mehr Alt- und Totholz stehen. Agrarumweltprogramme und Biodiversitätsförderflächen schaffen zudem Refugien für gefährdete Arten. Diese Massnahmen zeigen erste Wirkung – auch wenn das Niveau früherer Artenvielfalt besonders für spezialisierte und kälteliebende Arten noch lange nicht erreicht ist.
