Nuklearstock für Obstgehölze - was ist das?

Nuklearstock Jungpflanze
Spitzenveredelung von Obstgehölz. Nach der Wärmebehandlung werden Spitzenveredelungen auf Sämlingsunterlagen angefertigt. Daraus entsteht ein neuer, gesunder Obstbaum für den Nuklearstock

Autoren: Markus Bünter, Gabriella Bachmann und Beatrix Buchmann Wädenswil

Der Nuklearstock für Obstgehölz hat nichts mit Atomenergie, Kernwaffen oder Genmanipulation zu tun. Er ist ein Archiv oder eine Sammlung von sortenechten, virus- und phytoplasmenfreien, das heisst gesunden Obstsorten. Der Nuklearstock beherbergt mindestens je eine Pflanze von den Obstsorten, die in der Schweiz von Bedeutung sind.

Im Nuklearstock werden vier Gefässe unterschieden. Es sind dies wirtschaftliche Obstsorten mit maximal 200 Sorten, je ca. 60 alte und neue Obstsorten sowie einige private Obstsorten. Als Nuklearstock gilt der Ort, an dem die kleinste verwendete pflanzliche Einheit einer zur Anerkennung/Zertifizierung zugelassenen Sorte aufbewahrt wird. Nuklearstock kommt wahrscheinlich von Nukleus [lat.] = Zellkern.

- Deutsch: Nuklearstock
- Französisch: conservatoire
- Italienisch: conservatorio
- Englisch: nuklear stock

Aufnahme von Obstsorten in den Agroscope-Nuklearstock

Im Nuklearstock gedeihen zur Zeit rund 140 Apfelsorten (von Ariwa bis Wehntaler Hagapfel), 40 Birnen-, 45 Kirschen- und 30 Zwetschgensorten sowie 5 Quittensorten, 18 Aprikosensorten und eine Pfirsichsorte.

Die Sortengruppe, ein Gremium bestehend aus je drei Vertretern der Branchenverbände JardinSuisse und Schweizer Obstverband sowie drei Vertreter von Agroscope, entscheidet jährlich über die Annahme in oder die Elimination von Obstsorten aus dem Nuklearstock. Gesuche zur Aufnahme von Obstsorten kommen von Baumschulen, Züchtern, Sortenliebhabern und weiteren Obst-Interessierten. 

Bevor eine Pflanze in den Nuklearstock aufgenommen wird, hat sie bereits lange Züchtungsarbeiten und Sortenbewertungen auf dem Feld und im Lagerhaus, sowie die Testung auf Virus- und Phytoplasmenfreiheit im Labor, im Gewächshaus und in der Baumschule mit Zeigerpflanzen hinter sich. Verfahren, die Virus- und Phytoplasmenbefall aufzeigen, dauern beim Kernobst mindestens drei Jahre und beim Steinobst zwei Jahre. Liegt Virus- oder Phytoplasmenbefall vor, wird die Pflanze durch eine Wärmebehandlung von den Schaderregern befreit. Erst nach erneuter, erfolgreicher Virus- und Phytoplasmentestung sowie Sortenechtheitsprüfung darf sie in den Nuklearstock gepflanzt werden und als Ausgangsmaterial für die Vermehrung von anerkannten/zertifizierten Obstbäumen dienen. Dieses sogenannte Vorstufenmaterial wird an zertifizierte Edelreiserschnittgärten in Baumschulen zur Veredelung von zertifizierten Obstgehölzen abgegeben. Obst-Züchtungsinstitute, Nuklearstöcke und Baumschulen in Obstbaugebieten der ganzen Welt werden mit Vorstufenmaterial aus dem Schweizer Nuklearstock beliefert. 

Warum führt die Agroscope in Wädenswil einen Nuklearstock für Obstgehölz?

Mit dem Unterhalt des Nuklearstockes erfüllt Agroscope die Basis für einen erfolgreichen Obstanbau in der Schweiz. Nämlich die Bereitstellung und die Produktion von gesunden, sortengeprüften und anerkannten/zertifizierten Vorstufenedelreiser. Dies ist das Ausgangsmaterial für zertifizierte Obst-Jungpflanzen. 

Das Gazehaus

Die rund 280 Obstsorten befinden sich im insektensicheren Asanithaus, das so gross wie ein halbes Fussballfeld ist. Das Gerüst dieses „Gazehauses“ besteht aus einer Metallkonstruktion und ist während der Vegetationszeit, d.h. vom frühen Frühling bis im späten Herbst mit einem leichten, durchlässigen Kunststoffgewebe eingefasst und zusätzlich mit einem Hagelnetz geschützt. Dies gewährt ein nahezu identisches Klima wie draussen, nur dass durch die feinen Maschen kein Insekt eindringen kann. Die gleiche Funktion übernimmt die Personenschleuse beim Eingang. Im Winterhalbjahr wird das Gewebe vom Dach wegen der schweren Schneemassen entfernt.

Der Boden besteht aus verschiedenen mit Vliesen getrennten Schichten und ist 0,75 Meter tief. Jede Pflanze wächst in einem eigenen Behälter, der mit steriler Erde gefüllt ist und in Blähton (Hydrokulturkugeln) steht. Damit wird verhindert, dass Wurzeln in den gewachsenen Boden vordringen und über Nematoden mit Virosen infiziert werden können.

Zur Prüfung der Gesundheit von den Nuklearstock-Pflanzen werden sämtliche Pflanzen periodisch Labordiagnosen und Gewächshaustests unterzogen und erneuert, d.h. neue Pflanzen werden veredelt, die wieder die komplette Virus-und Phytoplasmentestung durchlaufen müssen.

Übrigens, solche Nuklearstöcke gibt es in den meisten Obstbaugebieten auf der ganzen Welt. In der Schweiz existiert für Kern- und Steinobst nur der bei Agroscope in Wädenswil.

Weiter Infos erhalten Sie unter www.nuklearstock.agroscope.ch .

 

 

 

Kontakt

Nuklearstock Gazehaus Glashaus
Im Vordergrund der Agroscope-Nuklearstock für Obstgehölz mit den Massen 17 m x 40 m. Im Hintergrund das kleinere Kandidatenhaus, wo die Obstsorten, die in der Virustestung stehen, gehalten werden