Horn-Status bei Rindern

Hornkuh Status

Die Enthornung wird in 61% der europäischen Rinderbestände praktiziert – davon zu 75% an Rindern im frühen Kalbesalter. In der Schweiz sind schätzungsweise 73% der Milchkühe hornlos. Die Gründe für die Enthornung sind sowohl wirtschaftlicher als auch sicherheitstechnischer Art: Behornte Tiere benötigen mehr Platz und Hörner stellen ein zusätzliches Verletzungsrisiko dar. Die Enthornung ist in der Schweiz in der Tierschutzverordnung und im Tierschutzgesetz geregelt (Art. 32 TSchV und Art. 16 TSchG). Diese gibt vor, dass die zu enthornenden Kälber nicht älter als 3 Wochen sein dürfen und dass die Enthornung unter Betäubung und Schmerzmittelgabe mit einem Brenneisen durchgeführt werden muss.  

Studien zu Langzeitfolgen der Enthornung – Stressreaktivität und Schmerzempfinden

(Stand Januar 2019)

In einem von der Fondation Sur-la-Croix finanziell unterstützten Projekt erforschen Agroscope und die Vetsuisse Fakultät der Universität Bern seit 2015 erstmals mögliche Langzeitfolgen der Enthornung. Das Projekt setzt sich aus zwei Teilprojekten zusammen:

  1. „Untersuchungen an Mastrindern“ (Verhalten, Stressreaktivität und Fleischqualität)
  2. „Untersuchungen an Rindern und Kälbern“ (Untersuchungen zu den Langzeitfolgen der Enthornung)  

1. Untersuchungen an Mastrindern (Agroscope)

Stressreaktivität
Das Erleben chronischen Stresses kann zu Veränderungen in der Reaktivität physiologischer Stressachsen (im Speziellen der Hypophysen-Hypothalamus-Nebennieren-Achse) führen. Mittels eines Reaktivitätstests der Stressachse (durch Stimulation der Nebennierenrinde), dem sogenannten ACTH-Test, kann derartigen Reaktivitäts-Veränderungen nachgegangen werden. Um zu untersuchen, ob der Hornstatus möglicherweise mit der Reaktivität der Stressachse in Zusammenhang steht, wurden in einer Agroscope-Studie wiederholte ACTH-Tests an behornten, unbehornten sowie gemischten Gruppen von Mastbullen durchgeführt.

Sozial- und Individualverhalten von Mastrindern

Zur Zeit fehlt es an unter experimentellen Bedingungen durchgeführten Studien, die das Verhalten von Rindern hinsichtlich des Hornstatus untersuchen. Daher wird das Gruppen- sowie Individualverhalten von Mastbullen und -färsen in Verhaltenstests beobachtet.

Publikationen

Reiche, A.-M., J.-L. Oberson, P. Silacci, J. Messadène-Chelali, H.-D. Hess, F. Dohme-Meier, P.-A. Dufey, and E. M. C. Terlouw. 2019. Pre-slaughter stress and horn status influence physiology and meat quality of young bulls. Meat science 158.

Reiche, A., A. K. Hankele, H. Hess, F. Dohme-Meier, and S. E. Ulbrich. 2019. The ACTH challenge and its repeatability in fattening bulls – influences of physiological state, challenge time standardization, and horn status.Domestic Animal Endocrinology.

Kontakt: Mediendienst Agroscope

2. Untersuchungen zu den Folgen der Enthornung bei Kälbern (Vetsuisse-Fakultät Universität Bern)

Schmerzen und Schmerzempfinden bis 3 Monate nach der Enthornung
Prof. Claudia Spadavecchia, Dr. Alessandro Mirra und Dr. Daniela Casoni untersuchten in dieser Studie zum einen, ob die Enthornung unter der in der Schweiz empfohlenen Analgesie und Anästhesie bei Kälbern akute oder chronische Schmerzen verursacht und zum anderen, ob der Zeitpunkt der Enthornung der Kälber (Alter zum Enthornungszeitpunkt: 1 bzw. 4 Wochen) einen Einfluss auf die Schmerzentwicklung hat. Dazu wurde eine Gruppe männlicher Kälber am Enthornungstag sediert und schmerzstillende Mittel (Analgetika) wurden lokal und systemisch verabreicht. Ein Teil der Kälber wurde anschliessend enthornt. Der andere Teil wurde nur „schein-enthornt“, um den möglichen Einfluss der Handlung am Kalb und den Einfluss der lokalen Schmerzbehandlung von der Wirkung der Enthornung selbst unterscheiden zu können.  

Die Ergebnisse des ersten Teils der Studie zeigen, dass über den Zeitraum von 24 Stunden nach dem Eingriff sowohl eine lokale Überempfindlichkeit auf taktile Stimulation und Druck als auch eine Schmerzempfindung auf an sich nicht schmerzhafte Reize bestand (Allodynie und Hyperalgesie). Dies war unabhängig vom Alter der Kälber bei der Enthornung (keine Unterschiede zwischen Kälbern im Alter von 1 oder 4 Wochen).

Der zweite Teil der Studie, in dem die längerfristigen Folgen der Enthornung untersucht wurden, zeigt, dass diese Überempfindlichkeit bis zu 105 Tage nach der Enthornung anhalten kann. 38% der enthornten Kälber entwickelten eine chronische trigeminale Überempfindlichkeit. Die Schmerzscores sowie die lokale Hyperalgesie und Allodynie waren bei den enthornten Kälbern deutlich höher im Vergleich zu den schein-enthornten Kälbern. Darüber hinaus zeigten die enthornten Kälber (insbesondere die Kälber, die im Alter von vier Wochen enthornt wurden) eine Beeinträchtigung des endogenen Schmerzmodulationssystems. Daraus lässt sich schliessen, dass die Folgen der Enthornung weit über die Akutphase hinausreichen können. Einzelne Tiere können, unabhängig vom Alter und der Schmerzausschaltung, zum Zeitpunkt der Enthornung eine chronische trigeminale Überempfindlichkeit entwickeln und somit von chronischem trigeminalen Schmerz betroffen sein. 

Publikationen

Mirra, A. et al., 2018. Acute pain and peripheral sensitization following cautery disbudding in 1- and 4-week-old calves. Physiol Behav 184: p. 248-260.

Casoni, D. et al., 2019. Can disbudding of calves (one versus four weeks of age) induce chronic pain? Physiol Behav 199: p. 47-55.

Vidondo, B., S. Stettler, A. Stojiljković, H. Mogel, V. Gaschen, C. Spadavecchia, D. Casoni, and M. Stoffel. 2019. Assessment of potential neuropathic changes in cattle after cautery disbudding. Research in Veterinary Science 126.

Bestimmung potentieller neuropathischer Veränderungen nach der Enthornung von Rindern und Kälbern
Prof. Michael Stoffel, Dr. Beatriz Vidondo und Svenia Stettler von der Vetsuisse-Fakultät Universität Bern untersuchten allfällige enthornungsbedingte morphologische Veränderungen an Nervenzellen des Ramus cornualis des N. maxillaris, welcher für die sensible Innervation des Hornes zuständig ist. Dabei wurden Faserdurchmesser und Häufigkeiten verschiedener Fasertypen im Vergleich zu einem nicht betroffenen Nerven analysiert (N. infraorbitalis des N. maxillaris). Die Studie umfasste enthornte Rinder sowie die enthornten und scheinenthornten Kälber der Studie von Prof. Claudia Spadavecchia (Teilprojekt 2, s.o.), so dass auch ein möglicher Zusammenhang zwischen den anatomisch-histologischen Befunden und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit berücksichtigt werden konnte.

Die Ergebnisse zeigen, dass bei enthornten Kälbern eine leichte Tendenz zu einer minimalen, klinisch wohl bedeutungslosen Vergrösserung des Nervenfaserdurchmessers besteht. Bei allen übrigen Messwerten ergaben sich keine statistisch signifikanten Unterschiede und somit auch kein Zusammenhang mit dem Auftreten chronischer Schmerzen.

Publikationen

Stettler, S., 2016. Assessment of Potential Neuropathic Changes in Cattle after Heat Disbudding. Diss. Med. Vet. Bern

Stettler, S., Stojiljkovic, A., Mogel, H., Gaschen, V., Spadavecchia, C., Casoni, D., Stoffel, M. H. (in preparation). Assessment of potential Neuropathic Changes in Cattle after Heat Disbudding.  

Kontakt: Universität Bern, Media Relations, medien@unibe.ch,
T: +41 31 631 41 42

Weitere Forschungsprojekte

Sozialverhalten von behornten und enthornten Kühen (BLV)

Das Zentrum für Tiergerechte Haltung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) bearbeitet zurzeit ein Projekt zur Bedeutung der Hörner für das Sozialverhalten von Kühen: Mittels ethologischer und physiologischer Parameter (Herzfrequenz) wurde auf Praxisbetrieben untersucht, ob Unterschiede im Sozialverhalten zwischen behornten und enthornten Kühen bestehen, wenn das im Auslauf angebotene Platzangebot variiert wird.

Unabhängig vom Hornstatus nahm die Anzahl Auseinandersetzungen ab, je mehr Platz den Tieren im Auslauf zur Verfügung stand. Zudem zeigten, ebenfalls unabhängig vom Hornstatus, hochrangige Kühe ein aggressiveres Verhalten als niederrangige Kühe. Behornte Kühe zeigten im Vergleich zu hornlosen Kühen ein unterschiedliches Muster bei Auseinandersetzungen zwischen zwei Herdenmitgliedern. Bei behornten Kühen wurden solche Auseinandersetzungen vermehrt ohne Körperkontakt ausgetragen, d.h. ein Drohen des ranghöheren Tieres bewirkte das Ausweichen des rangniedrigeren Tieres.

Kontakt: Kathrin Naegeli, BLV, kathrin.naegeli@blv.admin.ch,
T: +41 58 466 79 71