Horn-Status bei Rindern

Hornkuh Status

In der Schweiz sind schätzungsweise 73 Prozent der Milchkühe hornlos. In Europa wird die Enthornung in 61 Prozent der Rinderbestände praktiziert – davon zu 75 Prozent an Rindern im frühen Kalbesalter. Die Gründe für die Enthornung sind sowohl wirtschaftlicher als auch sicherheitstechnischer Art: Behornte Tiere benötigen mehr Platz und Hörner stellen ein zusätzliches Verletzungsrisiko dar.

Die Enthornung ist in der Schweiz in der Tierschutzverordnung und im Tierschutzgesetz geregelt (Art. 32 TSchV und Art. 16 TSchG). Diese gibt vor, dass die zu enthornenden Kälber nicht älter als 3 Wochen sein dürfen und dass die Enthornung unter Betäubung und Schmerzmittelgabe mit einem Brenneisen durchgeführt werden muss.


Langzeitfolgen der Enthornung im Fokus

In einem von der Fondation Sur-la-Croix finanziell unterstützten Projekt erforscht Agroscope in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und dem landwirtschaftlichen Forschungsinstitut Frankreichs, dem INRAE seit 2015 erstmals mögliche Langzeitfolgen der Enthornung auf die Stressreaktivität, die Fleischqualität und das Verhalten von Mastrindern. Folgende Resultate liegen vor:

1. Physiologischer Stresstest zeigt schwer interpretierbare Resultate

Das Erleben chronischen Stresses kann zur Veränderung der körperlichen Stressreaktionen führen und die Ausschüttung von Stresshormonen, z.B. von Cortisol, beeinflussen. Um festzustellen, ob der Hornstatus körperliche Stressreaktionen prägt, wurde der sogenannte ACTH-Test wiederholt an behornten, unbehornten sowie gemischten Gruppen von Mastbullen durchgeführt. Hierzu wurde den Versuchstieren das Stresshormon ACTH (adrenocorticopropes Hormon) verabreicht und anschliessend die Reaktion anhand der Cortisolausschüttung der Nebennieren gemessen. Die Resultate zeigten einen Einfluss des Hornstatus. Die Wiederholbarkeit zwischen den einzelnen Tests war allerdings nur mässig, was eine Interpretation schwierig macht. Die Ergebnisse könnten mit den beobachteten Verhaltensunterschieden zwischen be- und enthornten Tieren (siehe 3.) in Zusammenhang stehen.

2. Vor allem Stress aber auch Hornstatus beeinflussen die Fleischqualität

Agroscope erforschte, ob sich enthornte und nicht enthornte Bullen in ihren Stressreaktionen am Schlachthof unterscheiden und ob dies in der Fleischqualität erkennbar ist. Die Resultate bestätigten einerseits, dass Stress am Schlachthof die Saftigkeit von Fleisch beeinträchtigt, unabhängig davon, ob die Bullen Hörner tragen oder nicht. Andererseits beeinflusste der Hornstatus die Zartheit von Fleisch.

3. Es gibt Unterschiede im Verhalten zwischen behornten und unbehornten Mastrindern

Mit bewährten Testmethoden wurde die Aktivität, das Sozialverhalten, die Reaktionen auf neue Gegenstände und das Konkurrenzverhalten bei limitiertem Futter von 81 männlichen und 64 weiblichen Mastrindern untersucht. Gruppen behornter Tiere (Bullen im Alter von 12 Monaten und Färsen im Alter von 4-9 Monaten) waren im Stall körperlich aktiver. Behornte Bullen zeigten weniger Angst-assoziiertes Verhalten auf einen unbekannten Gegenstand als enthornte; der gegenteilige Effekt wurde für be- und enthornte Färsen beobachtet. In einer Futterkonkurrenzsituation verdrängten behornte Tiere andere Artgenossen öfter als enthornte, was durch mehr Verdrängen mit Körperkontakt (Bullen) sowie ohne (Färsen) bedingt wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass der Hornstatus das Verhalten beeinflusste, und dass dieser Einfluss vom Experiment (Bullen vs. Färsen) und der Situation (Verhaltenstest) abhing. Die beobachteten Unterschiede im Angst-assoziierten und Konfliktverhalten stehen mit Aspekten des Tierwohls in Verbindung, da negative Emotionen, wie zum Beispiel Angst oder Schmerz, das Tierwohl beeinträchtigen. Insofern kann das Tragen von Hörnern sowohl negative als auch positive Auswirkungen auf das Tierwohl haben.

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