Ethologie und Haltung

Passion - Lernformen bei Pferden

Passion - Lernformen bei Pferden

Wie klug sind unsere Vierbeiner?
Sie gehören zu den Lieblingsthemen in Internet-Foren, an Reiter-Stammtischen oder in Sattelkammern:
Bunte Anekdoten von besonders intelligenten und schlauen Ponys oder Geschichten von speziell geschickten und innovativen Ausnahme-Pferden. Jeder kennt die eindrücklichen und lustigen Videos auf YouTube von Pferden und Eseln, welche alle erdenklichen Torverschlüsse öffnen können und dann auch noch ihre Artgenossen aus den Boxen befreien. Von rekordverdächtigen Pferden, die beim Hütchenspiel jeden Menschen in den Schatten stellen, von Eseln, die grosszügig die Zaunabsperrung für ihre Kameraden öffnen und von Maultieren, die perfekten Werkzeuggebrauch zeigen, um noch den letzten Heuhalm unter der Futterraufe zu erreichen.

 

Schweizer LandLiebe

Schweizer LandLiebe - Heiligtum Rösseler

Vor 120 Jahren gegründet, steht das Schweizer Nationalgestüt in Avenches VD bis heute im Dienst der Pferdebranche in unserem Land. Die Aufgaben sind freilich andere als einst.

Passion - Sport und Freizeit mit Pferden

Passion - Interview Hans Wyss

Arena - Interview mit Prof. Dr. Hans Wyss
Da das Thema äusserst komplex und umfangreich ist und den Rahmen einer einzelnen Ausgabe sprengen würde, hat PASSION beschlossen, in loser Folge über den Event und die einzelnen Protagonisten zu berichten. Den Anfang machen wir mit Prof. Dr. Hans Wyss, Direktor des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Hans Wyss amtete an der Tagung in Avenches als Diskussionsleiter.

IGN-Forschungspreis für Sara Hintze

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Dr. Sara Hintze erhält den Forschungspreis vom IGN-Vorstand, vertreten durch PD Dr. Birger Puppe (Universität Rostock) und Dr. Nina Keil (Agroscope). (Foto IGN)

Die Tiermedizinerin Dr. Sara Hintze hat für ihre an der Universität Bern 2017 eingereichte Dissertation „Beyond words... Kognitive und ethologische Ansätze zur Beurteilung von Emotionen bei Pferden“ den am höchsten dotierten der drei renommierten Forschungspreise der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) gewonnen. Die Studie wurde an der Abteilung Tierschutz der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe Pferdezucht und Haltung des Schweizer Nationalgestüts von Agroscope durchgeführt.

Tierschutz ist ein gesellschaftliches Anliegen von großer Bedeutung und basiert auf der Annahme, dass Tiere empfindungs- und leidensfähige Wesen sind. Da wir jedoch keinen direkten Zugang zu der Gefühlswelt eines anderen Individuums haben, benötigen wir Indikatoren, um indirekt auf die Gefühle von Tieren schließen und folglich ihr emotionales Wohlergehen beurteilen zu können. Ziel dieser Arbeit war es, potentielle kognitive und ethologische Indikatoren für die Beurteilung von Emotionen bei Pferden zu untersuchen.

Ein kognitives Testverfahren ging der Frage nach, inwieweit bei Pferden Entscheidungen in nichteindeutigen Situationen vom emotionalen Zustand des Individuums abhängen. Dieser Test auf kognitive Verzerrung (Judgement Bias Task) ist in der Studie methodisch optimiert worden. Im Rahmen ethologischer Untersuchungen wurde zudem erstmals eine Skala zur Erfassung unterschiedlicher Aspekte der Augenfalten beim Pferd entwickelt und ein Zusammenhang zwischen Veränderungen mancher Aspekte der Augenfalten und der emotionalen Gestimmtheit der Tiere wissenschaftlich nachgewiesen. In einer abschließenden Studie wurde eine qualitative Methode (Qualitative Behaviour Assessment) anhand des Ausdrucksverhaltens der Pferde in vier emotionalen Situationen experimentell validiert.

Mehr dazu unter www.ign-nutztierhaltung.ch 

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IGN-Forschungspreis für Joan-Bryce Burla

IGN-Forschungspreis für Joan-Bryce Burla
Bildlegende: Dr. Joan-Bryce Burla erhält den Forschungspreis vom IGN-Vorstand, vertreten durch Prof. Dr. Hanno Würbel und Dr. Nina Keil

Die Agrarwissenschaftlerin Dr. Joan-Bryce Burla hat für ihre an der ETH Zürich 2015 eingereichte Dissertation Effects of feeding management and lying area on the behaviour of grouphoused horses einen der drei renommierten Forschungspreise der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) gewonnen. Die Studie wurde am Institut für Agrarwissenschaften, Einheit für Ethologie und Tierwohl der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe Pferdezucht und Haltung des Schweizer Nationalgestüts von Agroscope durchgeführt.

Die Arbeit untersuchte die Auswirkungen der Gruppenzusammensetzung, des Fütterungsmanagements und der Platzverhältnisse des Liegebereichs im Gruppenlaufstall auf das Verhalten der Pferde. Dabei konnten das Fütterungssystem und die Dauer der Raufutterverfügbarkeit als Schlüsselfaktoren identifiziert werden, die agonistisches Verhalten zu Fütterungszeiten reduzieren können. Die Gruppenzusammensetzung spielt hingegen eine untergeordnete Rolle. In einer Studie zum Liegeverhalten konnte nachgewiesen werden, dass die in der Schweiz gesetzlich festgelegten Mindestmaße für die eingestreute Liegefläche in Gruppenlaufställen als minimale Abmessungen zu betrachten sind. Zudem wirken sich größere Abmessungen insbesondere für rangtiefe Pferde positiv aus. 

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Laufende Projekte

Sorgenfalten bei Pferden richtig deuten

Pferd Augenfalten

Forschende der Universität Bern und von Agroscope haben ein Bewertungssystem entwickelt, um anhand der «Sorgenfalten» oberhalb des Augapfels von Pferden zuverlässig auf ihr Wohlbefinden zu schliessen.

Praxistest verschiedener Slow Feeding Systeme für Pferde

Slow-feeding

Unter natürlichen Bedingungen verbringen Pferde 12 bis 18 Stunden mit der Nahrungsaufnahme. Fresspausen dauern nicht länger als 2 bis 4 Stunden. Aus ethologischer Sicht wäre für Hauspferde im Prinzip eine ad libitum-Fütterung die beste Lösung für eine tiergerechte Ernährung. Allerdings ist in unseren Breitengraden die Futtergrundlage wie Heu und Gras oft zu reichhaltig, und viele Pferde neigen zu starker Gewichtszunahme, wenn die Menge an Futter nicht streng rationiert wird. Diese Futterrationierung verursacht lange Wartezeiten zwischen den Fütterungen, insbesondere in der Nacht. Die negativen Folgen davon sind Probleme im Verdauungstrakt (Koliken, Magengeschwüre) und in der Psyche (Langeweile, Frustration).

Zur Behebung dieses Dilemmas müssen Lösungen gefunden werden, damit die Pferde mit der Aufnahme ihrer täglichen und an ihren Nährstoffbedarf angepasste Raufuttermenge so lange wie möglich beschäftigt sind. 

Auf dem Markt werden immer mehr so genannte „Slow Feeding Systeme“ angeboten. Es handelt sich dabei um verschiedene Arten von Futterdispensern oder Raufen, welche das Futter mit Netzen oder Gittern abdecken, um die Nahrungsaufnahme zu verlangsamen.

Halten diese Systeme ihre Versprechen? Führen sie tatsächlich zu längeren Fresszeiten? Ist ihre Verwendung praxistauglich? Welches sind die positiven und negativen Einflüsse auf das Pferdeverhalten? Die Forscherinnen des Schweizer Nationalgestüts von Agroscope möchten es wissen und suchen in einer aktuellen Studie nach Antworten.

Testen einer « Sozialbox » für die Hengsthaltung

Hengste

Mit dem Ziel, die Haltungsbedingungen von einzeln gehaltenen Zuchthengsten zu verbessern, untersuchten die Forschenden am Schweizer Nationalgestüt von Agroscope die Praxistauglichkeit von so genannten „Sozialboxen“, einer neuen Form von Einzelboxen mit speziellen Trennwänden, welche den benachbarten Tieren erlauben, Körperkontakte untereinander auszutauschen. Die Trennwände der Sozialboxen bestehen auf einer Hälfte aus vertikal angebrachten Rohren in einem Metallrahmen. Der Abstand zwischen den Gitterstäben beträgt ca. 30 cm und ermöglicht den Pferden, ihre Köpfe in die Nachbarboxe zu halten und mit dem Nachbarpferd zu interagieren. Die andere Hälfte der Abtrennung zwischen den Sozialboxen ist bis oben sichtdicht mit Holzbrettern verschlossen und erlaubt den Pferden sich zurückzuziehen und dem Nachbarn auszuweichen. Während ihrer Zeit in den Sozial- oder Vergleichsboxen wurden die Testhengste gefilmt, um die sozialen Interaktionen während 24 Stunden zu erheben. Zusätzlich wurden die Tiere wöchentlich von einer Tierärztin auf allfällige Verletzungen kontrolliert.

Bis heute konnten rund 40 Hengste in den Sozialboxen getestet werden. Die neue Form der Boxenwand  erlaubte ihnen ein Sozial­verhalten, welches dem unter natürlichen Bedingungen beobachtbaren Verhalten von Hengsten sehr nahe kommt: insbesondere Spiel und Ritualverhalten, aber auch ruhigere soziale Verhaltensweisen wie „gemeinsames Fressen“ oder „Seite an Seite ruhen“ wurden beobachtet. Anlässlich der Veterinärkontrollen konnten kaum bemerkenswerte Veränderungen an den Pferden festgestellt werden. Die Veterinäre konnten höchstens leichte Hautverletzungen wie Fellabschürfungen, einige Kratzer oder einzelne oberflächliche Wunden feststellen, aber die Interaktionen zwischen den Hengsten führten zu keinen ernsthaften Blessuren. Die Mehrheit der gelegentlich festgestellten Hautveränderungen trat am Kopf im Bereich des Jochbogens auf. Diese Schürfungen wurden nicht durch das Nachbarpferd verursacht, sondern sind vielmehr durch ein brüskes Zurückziehen des Kopfes und Anschlagen an den Gitterstäben während sozialer Interaktionen zurückzuführen.  

Die Zuchthengste erwiesen sich in den getesteten Sozialboxen als fähig, vermehrt und enger miteinander zu interagieren, ohne dass es zu potentiell gefährlichen Auseinandersetzungen oder gravierenden Verletzungen kam. Somit stellen die neuartigen Boxenwände eine Bereicherung für einzeln gehaltene Pferde dar. Eine Lösung muss allerdings noch für das Vermeiden von Hautschürfungen am Kopf gefunden werden, beispielsweise durch ein Abpolstern der Vertikalstangen.

Das Video zeigt einige Hengst-Paare während ihrer sozialen Interaktionen in den Sozialboxen und in deren üblichen Boxen am Schweizer Nationalgestüt.

Abgeschlossene Projekte

Slow-feeding-Systeme für Pferde: Fresszeiten und Liegeverhalten

Slow-feeding-Systeme für Pferde: Fresszeiten und Liegeverhalten

In freier Wildbahn beschäftigen sich Equiden mehr als sechzehn Stunden mit der Nahrungsaufnahme. Mit zwei bis drei rationierten Raufutterportionen pro Tag wird das Verhalten der Pferde, welche in traditioneller Weise gefüttert werden, stark beeinflusst.

In der vorliegenden Arbeit sollte überprüft werden, ob eine unterschiedliche Anzahl von Fütterungen das Fress-und Liegeverhalten von Pferden beeinflusst.

Dazu wurden zwölf Stuten in einer Mehrraumgruppenanlage untergebracht und erhielten täglich während 300 Minuten, auf fünf-, acht- oder zwölfmal verteilt, Zugang zu Raufutterrationen.

Die drei unterschiedlichen Fütterungsprogramme hatten zwar eine leichte Erhöhung der totalen Fressdauer pro Tag zur Folge, aber keinen signifikanten Einfluss auf das Liegeverhalten. Der Einfluss der Rangposition auf Dauer und Häufigkeit des Liegens war jedoch signifikant. Ranghohe Pferde lagen länger und häufiger als rangtiefe.

In der Gruppenhaltung von Pferden müssen insbesondere rangtiefe Tiere sowohl bei der Fütterung als auch bezüglich ihres Ruheverhaltens sorgfältig beobachtet werden.

Das Wiehern als Ausdruck von Befindlichkeiten

Pferd wiehert

Die Studie des Instituts für Agrarwissenschaften der ETH Zürich und der Forschungsanstalt Agroscope-Schweizer National­gestüt hatte zum Ziel, durch Wiehern ausgedrückte Befindlichkeiten von Pferden besser zu verstehen. Hierzu wurden die im Versuch verwendeten Pferde in eine als „negativ" (unangenehm) und in eine als „positiv" (angenehm) empfundene Situation verbracht und ihre Lautäusserungen aufgezeichnet. Die negative Situation bestand darin, dass das Pferd während 1 bis 5 Minuten alleine im Stall zurückgelassen wurde. Das anschliessende Zurückbringen der gewohnten Stallgefährten stellte die positive Situation dar.

Die Analyse der Aufnahmen zeigte, dass zwei Grundfrequenzen (sozusagen „zwei Stimmen“) im Wiehern wahrgenommen werden können, was darauf schliessen lässt, dass Pferde zur Biphonation fähig sind (Doppeltönigkeit des Stimmklanges). Die tiefere dieser Grundfrequenzen weist auf die Intensität eines Gefühlszustandes hin (sie steigt bei Zunahme der Gefühle). Die höhere Grundfrequenz hingegen zeigt die Valenz des Gefühlszustandes an (sie fällt tiefer aus bei positiven und höher bei negativen Gefühlen). Positives Wiehern ist zudem eine kürzere Lautäusserung als negatives.

Dank diesen erstaunlichen Erkenntnissen verfügen wir über ein weiteres Werkzeug, um objektiv die Befindlichkeit von Pferden messen und damit ihr Wohlbefinden beurteilen zu können.

Gruppenhaltung von Hengsten auf der Weide

Gruppenhaltung von Hengsten auf der Weide

Unter natürlichen Bedingungen schliessen sich Junghengste nach dem Verlassen ihrer Geburtsfamilie und vor einer allfälligen Gründung ihres eigenen Harems in mehr oder weniger lose Hengstgruppen zusammen. Teilweise stossen auch ältere Hengste dazu, wenn sie ihr Harem verloren haben. Solche Einheiten nennt man „Bachelor-oder Junggesellengruppen“.

Seit 2008 verbringt am Schweizer Nationalgestüt in Avenches jeweils eine Hengstgruppe von 4 bis 12 Tieren jährlich sechs Monate gemeinsam auf der Weide. Diese Art der Pferdehaltung erlaubt den Zuchthengsten, Sozialkontakte auszuleben wie unter natürlichen Bedingungen. Bisher konnten sehr positive Erfahrungen gemacht werden. Unter der Voraussetzung, dass sich keine Stuten in der Nähe befinden und genügend Platz zur Verfügung steht, zeigen sich die Hengste sehr freundlich miteinander und pflegen kameradschaftliche Beziehungen. Auf dem Videoausschnitt können Sie die ersten Minuten der Etablierung der Rangordnung miterleben. Sie werden insbesondere das hengsttypische Ritualverhalten beobachten.

Achtung: Die Hengsthaltung in Gruppen ist kein Kinderspiel und verlangt entsprechendes Wissen, Erfahrung und eine seriöse Vorbereitung! Wir bitten Personen, die selber Hengste in Gruppen halten
möchten, sich im Voraus bei der Beratungsstelle detailliert über Vorgehen und Vorsichtsmassnahmen zu informieren.